Christine Kappe

Der Stoff, aus dem die Flüge sind

zum Bild „Mecke“
in:
Science meets Fiction, Nano-Modellierungen:
Poesie und Mikroskopie
Hrsg. von Aura Heydenreich und Klaus Mecke
Homunculusverlag
(Erlangen, 2018)
ISBN 978-3-946120-55-1

Der Vogelhändler Mecke hatte aus Mangel an Geld und Raum seinen Laden in einem fragwürdigen Kellerloch aufgemacht, dessen Wände in allen Farben schillerten. Salpeter war noch das ungiftigste, was aus ihnen auskristallisierte. Die Fledermäuse störte das nicht, aber die waren ja auch keine richtigen Vögel. Sie blieben also gesund, aber wurden nicht verkauft. Und die kleinen Sittiche und Kanarienvögel wurden schneller verkauft, als sie krankwerden konnten. So entstand die unsinnige Situation, dass niemand an der ungesunden Luft im Keller erkrankte, denn der Vogelhändler selbst war bereits von einer Krankheit befallen, von der er aber nichts wusste, und eine zweite Krankheit wollte sein Körper nicht.

Vogelhändler waren selten geworden. Nicht nur, weil sie schlecht verdienten. Der Beruf war in Verruf geraten, weil er altertümlich klang und die meisten Leute mit ihm altmodische, nicht artgerechte Vogelhaltung verbanden. Dass diese Menschen aber oft mehr über ihre Tiere wussten als so manch moderner Idealist, konnten wir bezeugen. Zweimal im Monat gingen wir in diese letzte kleine Zoohandlung unserer Stadt, um Futter für unsere Wellensittiche zu kaufen.

Der Job eines Vogelhändlers war nervenaufreibender, als man sich das normalerweise so vorstellte, er musste den Vögeln ja beibringen, wie man fliegt, das lernten sie ohne Eltern nicht, und weil die Leute am liebsten ganz junge Vögel kauften, musste er sich beeilen damit. Das war eine große Herausforderung.
Bei manchem besonders süßen, kleinen Vogel schaffte er es nicht rechtzeitig und dann bat er den neuen Besitzer, dem Vögelchen noch die beiden letzten oder die letzte Lektion des Fliegens zu lehren.
Der neuen Vogelhalter versprach auch jedesmal das zu tun, aber im Grunde genommen wusste der Vogelhändler, dass diese Kunst, den Vögeln das Fliegen beizubringen, eigentlich kaum ein Mensch beherrschte und dass er einer der wenigen war, die das konnten. Es gab ja sonst nur noch die großen Tiersupermärkte und dort wurde den Tieren gar nichts mehr beigebracht. Zuviele und zu verschiedene Tiere waren auf engem Raum zusammengepfercht und Mitarbeiter waren rar und schlecht ausgebildet.

Am schönsten war es, wenn man den Laden betrat und gerade eine neue Vogellieferung gekommen war. Dann hockten die Kleinen mit ihren noch kurzen Schwänzen wie Miniatureulen da, zitternd auf der Stange, mit weiten Augen, als würden sie mehr von der Welt sehen als wir. Oder abends, kurz vor Geschäftsschluss, wenn Herr Mecke die Vögel ins Bett brachte. Die Fledermäuse blieben einfach hängen. Aber die Vögel legte er alle in eine mit weichem Stoff ausgelegte Schublade, deckte sie mit einer Daunendecke zu und streichelte ihnen über den Kopf. Wenn sie älter waren, ließen sie sich ja nicht mehr streicheln. Und auch von uns ließen sie sich nicht streicheln. Aber dem Vogelhändler dabei zuzuschauen, wie er die Vögel streichelte, war, als würde man selbst gestreichelt werden und als wäre man genauso weich wie ein kleiner Vogel.

Jetzt kam die Zeit, in der sich auch Herr Mecke wünschte, ein kleiner Vogel zu sein, um den sich jemand liebevoll kümmerte, denn er füchtete sich vor der Dunkelheit, nachdem seine Frau vor 5 Jahren gestorben war. Aus diesem Grund unterhielt er sich nach Ladenschluss noch gern lange mit dem letzten Kunden. Und auch wir wollten doch so vieles wissen, z.B. wie es möglich war, jemandem das Fliegen beizubringen, wenn man es selbst gar nicht konnte.

Der Vogelhändler machte es spannend und beantwortete unsere Frage an mehrern Abenden in Folge und in einer Ausführlichkeit, dass wir der Meinung waren, wir könnten bald selbst fliegen. Bis uns die letzte Lektion alle Hoffnung darauf wieder zu nehmen drohte.

Doch Lektion 1 machten wir locker mit: Die Flügel ausbreiten, die Federn auffächern, die Enden nach oben biegen, mit den Füßen gleichzeitig einen kleinen Sprung nach vorne machen, den Kopf nach vorn strecken und gleichzeitig nach hinten halten, die Flügel nach unten drücken und die Enden nach hinten, so, als würde man die Luft greifen, streicheln, nur dies, dieser Bewegungsaublauf. Was heißt nur. Wir fühlten es: Unsere Finger waren Federn und durchmaßen die Luft.

Lektion 2. Dieselbe Bewegung, nur rückwärts. Der Trick war, dass es in diese Richtung weniger Luftwiederstand gab und der Vogel dadurch an Höhe gewann. Ich weiß noch, dass ich das nicht ganz verstand, aber fühlen konnte ich es: dass die Luft durch die Erdanziehungskraft nach unten hin immer dicker wurde und man sich quasie von ihr abstoßen konnte. 10 cm nach oben, 2 cm nach unten, 10 cm nach oben, 2 cm nach unten…

Lektion 3 betraf das Lenken. Das Denken, wie der Vogelhändler es nannte, denn Fliegen war ja nur intelligent, wenn man wusste, wohin. Und man lenkte, indem man die Flügelenden verschieden neigte, und den Schwanz noch mit zur Feinsteuerung dazunahm. Wie man in der Luft lag war entscheidend, die Luft, die einen umspülte, wie das Wasser beim Schwimmen.

\4. Lektion. Landen. Noch schwieriger als das Fliegen, Landen gegen den Wind, mit den Feldlinien des Magnetfeldes der Erde, die Nord-Südachse beachtend. Das war wie beim Japanischlernen: da hatte man mühsam die beiden Silbenschriften gelernt und dann kam noch ein komplett anderes Schriftsystem dazu: die chinesischen Kanjis, ohne die man gar nicht erst mit dem Lesen anzufangen brauchte. Die meisten stiegen doch an dieser Stelle aus. Doch wir blieben dabei, der Vogelhändler nahm uns mit, Konzentrieren Sie sich, fühlen Sie den Winkel zwischen der Nordsüdachse der Erde und Ihrer Wirbelsäule! Wir dachten, wir müssten abstürzen, wenn wir jetzt schlappmachten. Doch auch diese Schwierigkeitsstufe meisterten wir, dank der anschaulichen und emphatischen Darstellung von Herrn Mecke. Und es kam doch noch die angekündigte letzte Lektion, an der angeblich alles hing.

Eigentlich brauchten wir nur Flügel anstatt Arme. Mit dieser Überzeugung lauschten wir Herrn Mecke, als er von der unvorstellbar großen Menge an Energie erzählte, die man zum Fliegen brauchte, und die kein Leistungssportler und kein anderes Tier je aufbringen würde. Das war das eigentliche Geheimnis des Fliegens und es betraf die Beschaffenheit der Vogellunge.
Sie war nicht, wie bei den Säugetieren, ein Hohlraum, in den baumartig Lungenbläschen ragten, und der sich mit Luft füllte, ausdehnte, die Luft wieder abgab und sich zusammenzog, sondern ein Schwamm, durch den die Luft unaufhörlich strömte, weil sie von den sogenannten Luftsäcken dort hindurchgepumpt wurde. Für die maximale Sauerstoffausbeute musste die Berührungsfläche zwischen Blutgefäßen und Luft möglichst groß und optimalerweise das Volumen der Blutgefäße und das Volumen der Luftgefäße gleich sein. Beide Bedingungen erfüllte ein Gewebe aus sich umschlingenden Röhrchen.

Der Vogelhändler malte uns die Struktur auf, eine geniale Erfindung der Natur, den Sauerstoff in den Adern stellte er durch blaue Kügelchen dar, die Wände Adern malte er hautfarben, auf der anderen Seite waren sie ja die Wände der Luftröhrchen, dort waren sie grün und stabilisiert durch lauter kleine Ästchen, die die Funktion von Abstandshaltern hatten, so dass das Gebilde nicht in sich zusammensinken konnte. Es sah so ein bisschen aus wie ein unendliches Gewächs… Das war also der Stoff, aus dem die Flüge sind.

Der Vogel musste nur für einen dauernden Luftstrom sorgen und nicht etwa durch eine flache, schwache Atmung das System zum Erliegen bringen…

„Wenn dieses letzte Kapitel so wichtig ist, warum fangen Sie dann nicht mit ihm an, Herr Mecke?“, fragte ich ihn.
„Weil diese kleinen Piepmätze mir nie ihm Leben glaubten, dass die Art der Atmung so entscheidend ist, ja dass es überhaupt verschiedene Arten zu Atmen gibt. Sie sehen einfach nicht die Notwendigkeit, sich damit zu beschäftigen. Die dämmert ihnen doch erst, wenn sie die Anstrengung spüren, die ihnen das Fliegen bereitet. Vorher denken sie, es atme sich von allein, Atmen sei unbewusst, es passiere mit ihnen und sei nicht zu beeinflussen. - Doch wenn sie merken, dass das nicht so ist, das ist immer eine Art Erwachsenwerden. Es ist toll, mitzuerleben. Die Erkenntnis: Flattern kann ich auch so. Aber Fliegen geht nur mit der richtigen Atmung. - Stimmts? Habe ich recht?“ Er blickte zu den Tieren, die Wellensittiche hatten ihren Kopf zwischen den Flügeln vergraben, die Kanarienvögel waren erstarrt und die Fledermäuse kicherten im Schlaf. Nur eine Fliege summte umher und knallte gegen das Kellerfenster.

3 Tage nach dieser letzten Lektion starb Herr Mecke. Im Stadtteil sprach es sich rum, dass er an der sogenannten Vogelhalterlunge zugrundegegangen war, einer krankhaften Wucherung des Lungengewebes, ausgelöst durch eine allergische Reaktion auf den Dreck der Vögel. Im Prinzip hatte er eine den Vögeln ähnliche Lunge bekommen, ein dichtes Gewebe, nur dass ihm die Luftsäcke fehlten, mit denen er die Kapillaren durchströmen konnte.
So starb er an dem, was ihn eigentlich beflügelte. Oder war er etwa zu dem geworden, was er liebte und hatte einfach nur zu fliegen begonnen?